Modetrend Sinnhaftigkeit: Wie wir den Schlüssel zur Erfüllung missbrauchen

Sinnhaftigkeit und Selbstverwirklichung sind vielen Menschen enorm wichtig geworden. Besonders im Job sollen unsere täglichen Aufgaben uns mit Freude erfüllen und gleichzeitig einem größeren Ziel und Nutzen für die Gesellschaft dienen. Als Schlüssel zur Erfüllung und Motivation, werden Sinn und Vision heute von zahlreichen Menschen und Unternehmen genutzt und fleißig kommuniziert. Auf den meisten Websites und social media Profilen finden wir große Visionen und sinnvolle Taten. Aber wo sind die freudigen, erfüllten Menschen?

Warum ist Sinnhaftigkeit zum Trend geworden?

Unsere Wohlstandsgesellschaft hat uns in eine verzwickte Lage gebracht.
Einerseits streben wir immer nach noch mehr:

– Mehr Geld
– mehr Schönheit
– mehr Status
– mehr Ankerkennung
– mehr Wissen
– mehr Spaß 
– mehr Macht usw.

Andererseits haben wir bereits erkannt, dass uns diese Dinge nicht dauerhaft glücklich machen, weil wir schon wieder das nächste begehren, sobald wir das erste erreicht haben. 

Da wir für alles Oberflächliche was wir uns „gönnen“, Zeit und Energie aufwenden müssen, bedeutet das: Je mehr wir haben, desto härter müssen wir „schuften“ um das nächst Größere zu erreichen. 

Die immer weniger spektakuläre Befriedigung ist uns in vielen Fällen den Stress nicht mehr wert. Und mit dieser Erkenntnis wird manchmal alles noch schlimmer.

Wenn die alten „Befriedigungsstrategien“ nicht mehr funktionieren und wir noch keine Alternative sehen, entsteht ein Leiden, das wir „innere Leere“ oder auch „Burn-out“ nennen können. 

Wir sehnen uns nach Glücksgefühlen und beginnen, die Befriedigung auf geistig/spiritueller Ebene zu suchen.

Da ist es ganz logisch, dass das Thema Sinnhaftigkeit zum Trend geworden ist. 

Denn durch Sinnhaftigkeit und Selbstverwirklichung wird uns genau das in Aussicht gestellt, wonach wir uns sehnen: Zufriedenheit, Freude und Erfüllung.

Eine große Vision und sinnvolle Taten – Warum bleibt die Erfüllung trotzdem aus?

Offensichtlich gibt es aber auch eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie wir Sinnhaftigkeit benutzen können, ohne dadurch Erfüllung und Zufriedenheit zu erleben.

Wenn wir uns darüber bewusst sind, was wir tun, reicht das oft schon aus, um es zu verändern. Aus diesem Grund möchte ich hier einige der „Missbrauchsmöglichkeiten“ der Sinnhaftigkeit beschreiben.

1. Die Sinnhaftigkeit als leere Worthülse

Sich mit Geld, Macht, Schönheit oder Status zu rühmen ist heutzutage out und wird in der Gesellschaft eher belächelt oder kritisiert. Da kommt die Sinnhaftigkeit gerade Recht, um uns Anerkennung zu verschaffen! Und das klappt sogar mit minimalem Aufwand! Einfach alles so umformulieren, dass es gut und erfüllend klingt:

„Scheiße, ich muss abnehmen“ wird dann zu „Einfach mal abschalten bei der morgendlichen Joggingrunde“. 

Aus dem gestressten Familienalltag wird „Endlich mal Zeit mit meinen Liebsten verbringen“.

Und schon haben wir das Image eines glücklichen und erfüllten Menschen.

Natürlich bringt diese Strategie auch Gutes in die Welt: Zum einen kann es andere Menschen inspirieren und zum Nachdenken anregen. Zum anderen betrachten wir unser Leben tatsächlich von einer anderen Seite (z.B. entwickeln wir tatsächlich Freude beim Joggen, Achtsamkeit im Meeting oder Dankbarkeit für unsere Familie). 

Dafür müssen wir uns aber wirklich bewusst darüber sein und die Sinnhaftigkeit tatsächlich fühlen. Wenn wir alles nur schön formulieren, damit andere uns super finden, bleibt die Sinnhaftigkeit eine leere Worthülse. Freude und Erfüllung bleiben somit aus. Ähnlich verhält es sich, wenn wir…

2. Die Sinnhaftigkeit von jemand anderem leben…

… und meinen es wäre unsere eigene. 

Wir begegnen einem Menschen, der sich mit voller Leidenschaft und Hingabe für eine gute Sache einsetzt. Das hat Stahlkraft und kann uns so berühren, dass wir anfangen dem nachzueifern. Manchmal bleiben wir sogar unser ganzes Leben dabei, weil wir diese Sache so gut und wichtig finden. 

Wir können die Ansichten, Handlungen und Ziele so stark für uns übernehmen, dass wir sogar die Leidenschaft unseres Vorbildes fühlen. Was wir aber niemals nachahmen können, ist das Urvertrauen und die Hingabe. Denn diese entstehen aus der absoluten Gewissheit, auf dem richtigen (eigenen) Weg zu sein.

Es sind also nicht die Taten, die dem Vorreiter seine Stahlkraft geben und zu wirklicher Erfüllung führen, sondern die bedingungslose Hingabe an die Aufgabe. 

Somit kommen wir mit einem übernommenen Lebenssinn nie über das Gefühl der LEIDEN-schaft hinaus, was wir spätestens gegen Lebensende oft bedauern. Denn rückblickend fühlt sich das in etwa so an, als wären wir zwar dauernd verliebt gewesen, aber haben nie wirklich geliebt.

Ob wir unseren eigenen Lebensinn erfüllen oder jemanden nachahmen, erkennen wir leicht an bestimmten Symptomen:

– Wenn wir Sinnhaftigkeit kopieren sind wir stark von der äusseren Resonanz abhängig: 
Stellen sich uns zu viele Hürden in den Weg (Ablehnung, Ablenkungen, erschwerende Gesetze, Widerlegung unserer Thesen…) geben wir schnell auf oder ändern unseren Kurs. Denn Ängste sind häufig stärker als Leidenschaft. 

– Erfüllen wir unseren eigenen Lebenssinn, empfinden wir ein tiefes Urvertrauen. Wir begegnen natürlich auch Ängsten und Schwierigkeiten, aber das Vertrauen trägt uns darüber. Wenn wir unseren Sinn entdeckt und angenommen haben, hält uns nichts und niemand von der Verwirklichung ab. Echte Sinnerfüllung ist stärker als Ängste.

– Wenn wir Sinnhaftigkeit kopieren wissen wir manchmal nicht, was jetzt richtig oder falsch ist. Dann wählen wir verzweifelte Wege und bewirken teilweise sogar das Gegenteil von dem, was wir beabsichtigen.

– Wenn wir unseren Lebenssinn erfüllen, haben wir Gewissheit über die beste Handlung im Augenblick. Wir tun das Richtige, weil wir ja genau dafür gemacht sind. Unser Körper, unsere Denkweise, unsere Erfahrungen, unser Umfeld und alle Ereignisse sind genau darauf ausgelegt, diese eine Aufgabe optimal zu erfüllen. Und zwar besser, als jeder andere Mensch sie erfüllen könnte…

3. Die Sinnhaftigkeit zum Selbstzweck machen

Eine weitere Strategie, um uns mit gutem Gewissen vor dem wirklichen Kern zu drücken, ist die lebenslange Suche nach etwas.

Dann probieren wir mal dies mal jenes, besuchen ein Seminar nach dem anderen und befragen andere Menschen zu dem, was wir sind und tun sollen. Wir folgen einer Vision, dann „fühlt es sich mal nicht so gut an“ und wir entwickeln eine Neue. Wir wechseln die Jobs, immer auf der Suche nach DEM Arbeitgeber, der es uns endlich ermöglicht, uns selbst zu verwirklichen. 

Alles wird impulsiv begonnen und impulsiv beendet, wenn es uns nicht nach kurzer Zeit das Gefühl gibt, welches wir uns vorstellen. Impulsiv beenden wir Dinge auch dann, wenn wir unserer Selbsterkenntnis tatsächlich zu nahe kommen. Denn das wollen wir ja unbewusst mit dem Suchen vermeiden.

So bleibt die Selbstverantwortung, die mit der Selbstverwirklichung und Sinngebung einhergehen würde, immer schön weit auf Abstand.

Mit all diesen Strategien können wir den „Trend Sinnhaftigkeit“ mitmachen, uns nach aussen gut darstellen und unser Gewissen beruhigen, weil wir „uns ja bemühen“. 

Und das alles ohne uns wirklich verändern zu müssen.

Wir kommen so ganz bequem durchs Leben, verzichten aber auf die Belohnung, die gelebte Sinnhaftigkeit für uns bereit hält: Urvertrauen, Verbundenheit, seelische Orgasmen, innere Zufriedenheit und das Gefühl, schön und vollkommen am richtigen Platz zu strahlen.

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